Ansprache bei der Andacht am 7. April 2017

von Bert Hitzegrad, Pastor in Cadenberge und Wingst

Es ist Passionszeit, Leidenszeit. Wir werden an das Leiden und Sterben Jesus erinnert. Ein Lebensweg, der menschlich ist, so voller Verletzlichkeit und Sterblichkeit. Mit diesem Weg stellt sich Gott auf unsere Seite. An diesem Leidensweg wird aber auch deutlich, was christliche Bestattung, was eine würdevolle Begleitung eines Menschen auch nach seinem Tod ausmacht. Eindrücklich wurde die Passionsgeschichte nach dem Evangelisten Markus gerade am vergangenen Sonnabend von der Kantorei Land Hadeln und dem Otterndorfer St.Serveri Chor vorgetragen. Johann Sebastian Bach lässt den Tenor die Worte des Evangelisten vom Karfreitag singen: „Und am Abend, dieweil es der Rüsttag war, welcher ist der Vorsabbath, kam Joseph von Arimathäa, ein ehrbarer Ratsherr, welcher auch auf das Reich Gottes wartete, der wagt‘s, der ging zu Pilato und bat um den Leichnam Jesu. Und er kauft ein Leinwand nahm ihn ab und wickelte ihn in die Leinwand und legte ihn in ein Grab, das war in einen Felsen gehauen und wälzete einen Stein vor des Grabes Tür. Aber Maria Magdalena und Maria Joses schaueten zu, wo er hingelegt ward.“ So die letzten Worte des Evangelisten in Bachs Markus-Passion bevor dann der Schlusschoral erklingt: „Bei deinem Grab und Leichenstein will ich mich stets, mein Jesus, weiden ...“

Hier ist also musikalisch beschrieben nach der Vorlage der biblischen Überlieferung, was für uns heute Morgen bedeutsam ist: Die würdige Bestattung eines Menschen ist von Anfang an zentrales Thema für die christliche Gemeinde. Joseph von Arimathäa stellt sein Grab zur Verfügung, damit Jesus angemessen bestattet werden kann. Er nimmt den Leichnam ab und sorgt dafür, dass er nicht am Kreuz verrottet, sondern ein würdiges Grab bekommt. Einige Jahrhunderte später wird die christliche Bestattung sogar zum 7. Werk der Barmherzigkeit erklärt. In Anlehnung an die Erzählung vom Weltgericht, wo Menschen Hilfe erfahren - sie werden in ihrer Nacktheit gekleidet, in ihrem Hunger gesättigt, sie werden im Gefängnis besucht ... - in dieser Reihung also auch die christliche, die würdige Bestattung - ein Zeichen von Barmherzigkeit. Und später im 5. Jahrhundert gehört es zu den Pflichten der Diakone einer Gemeinde, auch unbekannte Tote zu waschen, zu kleiden und zu bestatten.

 

Bestattungskultur im Wandel

Die Bestattungskultur hat sich im Laufe vieler Jahrhunderte geändert, doch diese zentrale Einsicht, dieses christliche Anliegen ist geblieben: die Ehrfurcht vor den Toten, die Würde eines Menschen, die nach unserem Grundgesetz das höchste Gut ist, diese Würde eines Menschen gilt auch über den Tod hinaus.

Zur Bestattungskultur in unserer Region gehört nun seit 10 Jahren der Ruheforst hier in der Wingst. Ein Ort, wo die Aschen von Menschen an Bäumen ihre letzte Ruhe finden. Auch wenn Bestattungen in der Wingst schon eine lange Tradition haben, - ich erinnere nur an das Großsteingrab aus der Jungsteinzeit - so ist in der Neuzeit die Idee der Baumbestattungen noch gar nicht so alt. Und sie stieß zunächst - auch das muss gesagt werden - auf Kritik der Kirchen. Der Schweizer Ueli Sauter suchte 1993 nach der Möglichkeit einer naturnahen Bestattung - in aller Würde - für seinen Freund und wählte, damals noch ohne Erlaubnis, die Baumbestattung, von der er die Schweizer Behörden dann überzeugte. Von dort nahm dann die „Erfindung Baumbestattung” auch seinen Weg nach Deutschland - und auch in die Wingst.

Eine neue Art der Beisetzung - als ein Spiegel der Veränderungen unserer Gesellschaft. Schon immer waren unsere Friedhöfe solch ein Spiegelbild, das die Veränderungen einer Gesellschaft aufzeigt. Solch eine Veränderung ist z.B. die Mobilität. Familien wohnen längst nicht mehr miteinander an einem Ort. Die Kinder sind zum Studium wegzogen, kommen nur noch zu Familienfesten nach Hause. Eine Bindung zu der Bestattungskultur auf den Friedhöfen gibt es nicht mehr. Da ist für sie, wenn die Eltern sterben, der Ruheforst, eine pragmatische Lösung, um die Pflege der Natur zu überlassen. Auch für uns Pastoren hat sich die Begleitung der Angehörigen dadurch z.T. deutlich verändert: das Trauergespräch am Telefon oder einige Informationen per eMail. Manchmal lernt man die Angehörigen erst direkt auf dem Gang zum Ruheforst kennen - so wie ich es erst gestern hier erlebt habe. Der Ruheforst ist auch ein Spiegel dafür, dass es einen Rückgang in der Verwurzelung im christlichen Glauben gibt. Von den gut 700 Beisetzungen in den letzten Jahren, so Gebhard von der Wense waren deutlich weniger als die Hälfte mit kirchlicher Begleitung.

Im Mittelalter war davon die Rede, dass es eine Kunst des Sterbens gibt, eine „ars moriendi“. Zu dieser Kunst gehörte es auch, dass ich mich meinem Gott anvertraue, auch und gerade am Lebensende, denn Sterben ist keine Sackgasse, sondern eine Einbahnstraße hin auf Gott zu, über den Tod hinaus. Das wussten die Menschen, deshalb konnten sie sich auf das Lebensende ganz anders einstellen. Heute herrscht oftmals eine große Verunsicherung mit Blick auf das Sterben, aber auch bei der Form, wie man richtig Abschied nimmt. Entsprechend gibt es einen Verlust von verbindlichen Ritualen. Wer kennt und praktiziert noch das Aussegnen in einem Haus, wo ein Mensch verstorben ist? In Würde einen Menschen mit einem letzte Segen begleiten, statt den Leichnam schnell und heimlich abholen lassen?

Unsere Friedhöfe sind auch ein Spiegelbild für die Anonymisierung unserer Gesellschaft. Beisetzungen in aller Stille nehmen zu, ebenso der Hinweis bei Traueranzeigen, von Beileidsbekundungen am Grab bitte abzusehen. Auch Beisetzungen ohne Angehörige finden öfter statt. Es wird von einer „anonymen Trinität des Alters” gesprochen: einsames Leben, sang- und klangloses Sterben, unkenntliches Grab. Die Älteren wollen den Jungen keine Last auflegen. Die Jüngeren haben Mühe, Verpflichtungen der Grabpflege über Jahrzehnte zu übernehmen. So verändert sich die Bestattungskultur. So sind Friedhöfe ein Spiegelbilder dieser Veränderungen. Gerade deshalb ist es wichtig angemessene, würdige Formen der Bestattungen zu finden.

Noch einmal: die christlichen Kirchen hatten zunächst Mühe, die Baumbestattungen in den Wäldern zu akzeptieren. Oftmals stand da natürlich auch die Konkurrenz zu den eigenen kirchliche Friedhöfen im Mittelpunkt. Aber auch inhaltlich gab es Einwände gegen den Anschein einer Wiederbelebung der Naturreligionen. Die Konzeption der Baumbestattungen kann es ja ganz anschaulich machen, wie der tote Körper wieder in den Naturkreislauf zurückkehrt. Oder wie sich die Schauspielerin Ingrid Steger es wünscht, so kürzlich in der Niederelbezeitung zu lesen: „Es wäre herrlich, wenn meine Seele nach der Bestattung in eine Baumkrone klettern würde.“ Die Jenseitsvorstellungen des christlichen Glaubens gehen deutlich weiter, bleiben nicht in den Gipfeln der Baumkronen hängen, sondern führen in die Weite des Himmels. Trotzdem ist ja doch eine gewisse Nähe da, wenn es am Grab beim Erdwurf heißt: „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zum Staube“.

 

vom Reiz des Ruheforstes

Die kirchliche Begleitung hier im Ruheforst wird selbstverständlich angeboten. Das Kreuz hier am Versammlungsplatz macht auch die Ausrichtung dieses Ortes und die Ausrichtung der Familie von der Wense ganz deutlich. Und wer hier auf im Ruheforst schon einmal eine Trauerfeier erlebt hat, unter dem schützenden Dach der Blätter, von der Sonne beschienen, in der Ruhe des Wingster Waldes, der mag ein ganz neues Verhältnis zur Auferstehungsbotschaft bekommen und dem Bild, das Jesus uns selbst von der aufgehenden Natur gegeben hat: „Wenn das Weizenkorn in die Erde fällt und erstirbt, bringt es viel Frucht.” Die Frucht, diese Fruchtbarkeit des Lebens, die Wiederauferstehung der Natur ist hier mit Händen zu greifen, mit jedem Atemzug zu inhalieren. Da hat die „Buchenwald-Kathedrale“ oftmals einen größeren Charme als manche dunkle Friedhofskapelle.

Denn von dieser, genau dieser Hoffnung wollen wir doch an den Gräbern sagen und singen. Ja, auch im Wald lässt es sich gut singen und die überraschende Erfahrung ist, dass manch gefiederter Sänger sich mit einmischt in den Gesang und eine gewisse Leichtigkeit in manchen schweren Abschied bringt.

 

Was sagen wir am Ende?

Aber was sagen wir denn am Ende? Wie können wir als Pastoren unsere Toten würdevoll und mit Respekt begleiten und den Trauernden nahe sein in ihrem Schmerz. Ich nenne dazu drei Punkte, die die Reformatoren, im Jahr des 500-jährigen Reformationsjubiläums, uns mit auf den Weg der Trauerarbeit geben.

  1. Die öffentliche Kundschaft der Auferstehung. Ja, die Auferstehungshoffnung soll laut und deutlich gesagt werden, woran wir glauben, worauf wir hoffen. Und das öffentlich, weil das Abschied nehmen niemals privat sein kann, weil niemandem die Chance zum Abschied genommen werden sollte. Auch wenn Trennendes immer wieder zwischen Menschen steht, von Gott kann uns nichts trennen, auch nicht der Tod. Auch das ist ein Stück reformatorische Theologie, dass wir vor Gott gerechtfertigt sind. Deshalb gibt es auch keine Anonymität vor Gott. Die Lebensgeschichte eines Menschen ist bei Gott beheimatet und auch das Geschehen um Sterben und Tod. Auch wenn ein Mensch hier vergessen wird, ist er bei Gott einzigartig, unverlierbar, unvergesslich – „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein“, heißt es bei Jesaja. Deshalb ist für das christliche Verständnis auch der Name über den Tod hinaus so wichtig. Deshalb ist für die Würde über den Tod hinaus diese kleine Plakette am Baum so wichtig, wo der Name zu finden ist. Oder auf der Steinplatte auf einem unserer pflegelichten Gräberfelder oder auf einer Steele daneben. Kein Mensch soll in der Anonymität entsorgt werden.

  2. sagen die Reformatoren gehört zur Trauerpredigt die Beweinung der Liebe und der Freundschaft mit dem Verstorbenen und seiner trauernden Familie. Nicht nur der Name gehört zu uns, sondern auch die Lebensgeschichte. Was hat unser Leben reich gemacht, was fehlte, wofür haben wir zu danken und was müssen wir vergeben? „Wenn jemand stirbt, dann stirbt ein Teil von mir“, sagt Mascha Kaleko und erinnert daran, dass Abschied mit Trauern, mit Weinen, mit Verlusten und Ängsten zu tun hat. Aber gerade die Erinnerung macht dankbar und schenkt Frieden.

  3. Ist deshalb jede Trauerfeier eine Erinnerung an den eigenen Tod. In alten Fürbitten wird noch für denjenigen gebetet, der als nächster aus der Trauergemeinde verstirbt. „Ars moriendi“, die Kunst des Sterbens kann man lernen, wenn man das Sterben nicht aufs Ende verdrängt, sondern immer wieder ins Leben, ins Denken, ins Beten mit einbezieht – „Herr, lehre mich bedenken, dass ich sterben muss, auf dass ich klug werde.“ heißt es in Psalm 90. Solche Klugheit kann dann auch zu einer Enttabuisierung des Todes führen, wo alte Rituale neu entdeckt werden - z.B. die Waschung eines Verstorbenen gemeinsam mit dem Bestatter. Oder neues kann ausprobiert werden - das Tragen der Urne durch die Angehörigen hinauf in den Ruheforst, wo dann nicht nur Ruhe herrscht, sondern fröhliches Weiterleben, weil die Enkel mit dabei sind und auf dem Weg Zweige und Blätter und Blumen finden ...

  4. Der Ruheforst mag dann ein Ort sein, an dem das leichter gelebt und erfahren wird. Und mit seinen Bäumen, die gerade wieder ausschlagen, nimmt er das zentrale christliche Symbol auf: das Kreuz, aus einem Stamm Holz gefertigt. Joseph von Arimathäa nahm den Erlöser damals vom Kreuz und bewahrte ihm die Würde auch im Tod. Doch das war nicht das Ende: „Am dritten Tage auferstanden von den Toten“, so bekennen wir es. Und deshalb wird das Kreuz oft nicht als totes Holz dargestellt, sondern als ein Baum, der neue Triebe, neues Grün, neues Leben hervorbringt. Das Kreuz, aus dem die Hoffnung und der Glaube wachsen. Ein grünender Baum, der hinweist auf das Leben, das war, das ist, das kommen wird.

 

Edmund Hoppe, ehemals Pastor in Wanna, der auch hier beigesetzt wurde, hat die Worte gedichtet, die nun unten an der Weggabelung zum Ruheforst stehen: „Bäume lieb’ ich mehr als bunte Sommerblumen, die schnell verblühen. Sie werden steh‘n und grünen, wenn ich schon längst nicht mehr bin.“

Und Paul Gerhard, der Dichter so vieler schöner Lieder in unserem Gesangbuch lässt uns singen: „Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum und lass mich Wurzeln treiben.“

Wurzeln, die Halt und Festigkeit geben - im Leben und im Sterben.

Amen

   

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